Eisbaden – ein Kick für das Immunsystem, aber nur mit Vorbereitung

Warum ist Eisbaden gut für die (Herz-)Gesundheit? Was passiert dabei eigentlich im Körper? Wirkt sich Eisbaden auch auf die Psyche aus? Welche sieben Tipps sollte man beim Eisbaden beachten und wer sollte nicht ins winterkalte Wasser gehen? Dies und mehr verrät Dr. Milan Dinic, Internist, Kardiologe, Sport- und Stressmediziner aus München. Außerdem erklärt er, warum man nie alleine Eisbaden sollte.

„Mut zur Kälte“: Presseveröffentlichungen mit Dr. Dinic zu Eisbaden:
➔ „Frau von Heute“, Ausgabe Februar 2024 (JPG S. 1, JPG S. 2)
Focus online, 09.01.2023
fit for fun online, 17.02.2021
Passauer Neue Presse, 17.01.2021 / 12.10.2023

Warum ist Eisbaden gut für die (Herz-)Gesundheit?

Dr. Dinic: „Der starke Kältereiz bewirkt, dass sich die Gefäße zusammenziehen. Steigt man wieder aus dem kalten Wasser, weiten sie sich und es kommt zu einer verstärkten Durchblutung. Das Zusammenziehen und Weiten trainiert die Gefäße. Regelmäßiges Eisbaden kann somit den Blutdruck und den Ruhepuls senken und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen. Darüber hinaus verbessert es das Immunsystem. Sebastian Kneipp, Namensgeber der Kneipp-Medizin, wusste im 19. Jahrhundert bereits, dass Kuren mit kaltem Wasser die Abwehrkräfte stärken. Studien belegen die Stärkung des Immunsystems durch regelmäßiges Baden in eiskaltem Wasser: Es führt dazu, dass sich die weißen Blutkörperchen im Körper stark vermehren.“

Was passiert eigentlich beim Eisbaden im Körper?

Dr. Dinic: „In den ersten Sekunden, in denen der Körper im Eiswasser ist, erfährt er einen intensiven Temperaturreiz. Die Hauttemperatur sinkt drastisch, während die Kerntemperatur zunächst wenig betroffen ist. Nun beginnt der Körper auf die neue Situation zu reagieren. Er wandelt Energie, die er in Form von Kohlenhydraten gespeichert hat, in Wärmeenergie um. Durch die verstärkte Produktion von Wärme weiten sich die Gefäße, die sich nach den ersten Sekunden abrupt zusammengezogen hatten. Dies führt zu einer Verbesserung der Blutzirkulation und somit zu einer Stabilisierung des Kreislaufs.“

Wirkt sich Eisbaden auch auf die Psyche aus?

Dr. Dinic: „Eisbäder scheinen sich positiv auf die Psyche auszuwirken: Bei den extrem niedrigen Wassertemperaturen schüttet der Körper einen Hormoncocktail aus Kortisol, Adrenalin, Noradrenalin und Endorphinen aus. Dies kann über Stunden anhaltende Glücksgefühle auslösen. Hinzu kommt ein psychologischer Aspekt: Menschen, die Eisbaden, empfinden das befriedigende Gefühl der Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung.“

Welche weiteren positiven Effekte kann Eisbaden noch auf die Gesundheit haben?

Dr. Dinic: „Wissenschaftler vermuten, dass durch den plötzlichen Kältereiz auch entzündungshemmende Stoffe ausgeschüttet werden, zum Beispiel bestimmte Kortikoide und der Botenstoff Noradrenalin. Gerade Menschen, die unter chronischen Erkrankungen wie Rheuma oder Arthritis leiden, profitieren davon. Noradrenalin aktiviert zudem die braunen Fettzellen. Eisbaden kurbelt also auch die Fettverbrennung an und kann helfen, Gewicht zu verlieren.“

Was sollte man beim Eisbaden beachten und wem würden Sie davon abraten?

Dr. Dinic: „Hierzu habe ich sieben Tipps:

1) Bevor man mit Eisbaden beginnt, sollte man sich am besten ärztlich durchchecken und vor allem das Herz untersuchen lassen, u. a. per Cardisiographie (3D Herz-Check mit KI-Auswertung). Denn Herzerkrankungen spürt man oft erst, wenn sie weit fortgeschritten sind. Ist das Herz vorgeschädigt, kann Eisbaden zu fatalen Folgen wie Herz-Rhythmusstörungen, einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen. Ein gesunder Kreislauf ist eine weitere Voraussetzung für alle, die den Kältekick erleben möchten. Denn durch die extreme Kälte verengen sich die Gefäße, der Körper reagiert mit Stresshormonen und der Blutdruck steigt kurzfristig an. Menschen mit Bluthochdruck, Herz- oder Gefäßerkrankungen oder Diabetes sollten deshalb auf keinen Fall bei winterlichen Temperaturen ins Wasser gehen.

2) Gehen Sie nie alleine zum Eisbaden. Es ist und bleibt ein Schockzustand. Sie wissen nie, wie Ihr Körper reagiert. Aufgrund der extremen körperlichen Stresssituation können Sie nie ausschließen, dass es zu ernsthaften Herz-Kreislauf-Problemen oder zu einem lebensgefährlichen Kälteschock kommen kann. Für den Notfall sollten Sie immer jemanden dabei haben, der Ihnen helfen kann.

3) Wärmen Sie sich vor dem Eisbaden durch etwas Bewegung auf.

4) Tragen Sie neben Ihrer Badebekleidung mindestens Mütze und Handschuhe. Wir geben 30 Prozent unserer Wärme über den Kopf ab. Deshalb sollten Kopf und Haare beim Eisbaden nie nass werden. Hände und Füße verlieren schnell an Körperwärme. Daher sollten Sie Ihre Hände beim Eisbaden in die Luft halten. Ihre Füße können Sie mit Neoprensocken schützen.

5) Wenn Sie zum ersten Mal zum Eisbaden gehen, bleiben Sie wirklich nur wenige Sekunden im Wasser und tragen Sie am besten einen Neoprenanzug. Mit jedem Mal können Sie sich leicht steigern – also die Eisbadezeit ausdehnen und nach wenigen Malen auch den Neoprenanzug weglassen. Wenn Sie unerfahren und untrainiert sind, tasten Sie sich langsam an die kühlen Temperaturen heran, zum Beispiel mit Wechselduschen.

6) Gehen Sie immer ganz langsam ins Wasser und konzentrieren Sie sich auf eine langsame, tiefe Atmung. Dann verlagert sich das Blut in Ihrem Körper nicht so abrupt und Sie können verhindern, dass Ihnen die Luft weg bleibt. Tauchen Sie aber niemals unter und machen Sie auch keinen Kopfsprung. Zu groß wären die Gefahren für das Herz.

7) Um sich nach dem Eisbaden schnell wieder aufzuwärmen, legen Sie ein großes Handtuch und Ihre trockene Kleidung griffbereit in die Nähe des Wassers. Sofort nach dem Eisbaden sollten Sie sich gut abtrocknen und danach warm einpacken. Eine heiße Dusche kurz danach ist übrigens nicht das Richtige für den Körper – die große Hitze würde ihn überfordern.“

Wie lange sollte man im kalten Wasser bleiben? Ab wann wird es gefährlich?

Dr. Dinic: „Bei Außentemperaturen unter null Grad: nur wenige Sekunden. Bei Außentemperaturen über null Grad je nach Eisbade-Training maximal fünf Minuten, da ansonsten die Gefahr einer Unterkühlung zu groß wäre. Keinesfalls sollten Sie in winterkaltem Wasser schwimmen. So kaltes Wasser ist aufgrund seiner höheren Dichte schwerer zu bewegen. Zudem wird Ihrem Körper bei jeder Bewegung Wärme entzogen – Sie kühlen noch schneller aus. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Kreislauf kippt, wenn Sie schwer atmen oder Ihr Herz anfängt zu stolpern, gehen Sie sofort raus.

Nach dem Eisbad sollten Sie sofort warme Kleidung anziehen. Von Sport und körperlicher Belastung direkt danach rate ich ab. Dem Körper sollte ausreichend Zeit zur Regeneration eingeräumt werden.“

Wie oft sollte man Eisbaden, um positive Effekte zu erzielen?

Dr. Dinic: „Mit einem Mal Eisbaden erreicht man noch keinen Immunbooster. Für einen deutlichen Effekt ist die Regelmäßigkeit wichtig – etwa jeden zweiten Tag.“

Ab welcher Wassertemperatur spricht man überhaupt vom Eisbaden?

Dr. Dinic: „Eisbaden ist das Baden in freien Gewässern bei Wassertemperaturen von 5 Grad Celsius und darunter.“

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